Stichworte zur modernen Hypnosetherapie
                                
      © Wilhelm Gerl

1. Therapeutische Hypnose - Hypnotherapie

Hypnosetherapie ist die älteste Heilmethode der Menschheit, die sich mentaler Techniken bedient, um leib-seelische Prozesse zu beeinflussen. Schon die Höhlenzeichnungen des urzeitlichen Menschen weisen auf hypnotische Gruppenrituale hin. Im schamanistischen Heilwesen der Naturvölker findet Ähnliches statt. Aus den ersten Hochkulturen (Mesopotamien, Ägypten) sind bereits schriftliche Aufzeichnungen über hypnotische Heilrituale überliefert. Im Heilwesen der Antike waren hypnotische Techniken in Form des „Tempelschlafes“ verbreitet. Mit seiner Hilfe wurden heilsame Zustände erzeugt und therapeutische Suggestionen vermittelt. Nach dem Niedergang dieser Hochkulturen überdauerten im Mittelalter einige hypnotische Behandlungsformen in den Zeremonien der Mönchsärzte, in Klöstern und Wallfahrtstätten.

Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften kam es zu einer Neuinterpretation der Hypnose. Zunächst wurde angenommen, sie sei die Auswirkung eines „animalischen Magnetismus“ (Mesmer). Im 19. Jahrhundert setzten sich schließlich psychologische Konzepte durch, nachdem sich die geistig-psychischen Funktionen des Menschen als Basis und entscheidende Wirkfaktoren der Hypnose herausgestellt hatten. Damit leistete die Hypnoseforschung einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Psychologie als einer Wissenschaft. Gleichzeitig lieferte  Sie wichtige Grundlagen und Bausteine für viele der heute gängigen Psychotherapiemethoden.

Als eine eigenständige Therapieform wurde die Hypnosetherapie im 19. und 20. Jahrhundert abwechselnd sehr populär und dann wieder zurück gedrängt. Um 1950 setzte verstärkt Hypnoseforschung nach modernen Standards ein und es kam zur Neufundierung der Hypnose als ein wissenschaftlich begründetes, hochwirksames Therapieverfahren. Diese moderne Hypnotherapie ist eng verbunden mit den Arbeiten des amerikanischen Psychologen und Facharztes für Psychiatrie, Milton H. Erickson. Die maßgeblich von ihm beeinflusste „Klinische Hypnose“ bzw.  die Ericksonsche “Hypnotherapie” gilt international als der State of Art.

Hypnotherapie ist eine erwiesenermaßen effektive Methode (Grawe, Donati & Bernauer, 1994; Revenstorf & Prudlo, 1994). Die Seminare der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.) werden von den Landesärzte- und Psychotherapeutenkammern als berufliche Fortbildung anerkannt.

Hypnose alleine ist noch kein Therapieverfahren. Jedoch hat sie, im Rahmen einer Hypnotherapie oder kombiniert  mit einer anderen Psychotherapiemethode, nachweislich positive Wirkungen. So erhöht bereits eine einfache, standardisierte Hypnose die Effektivität der betreffenden Therapiemethode in signifikanter Weise. Die Psychotherapieforscher Kirsch, Montgomery & Sapirstein (1995, 1996) berichten von einer “doppelten Effektstärke”. Der Behandlungseffekt lässt sich mit Hypnose also beträchtlich steigern, was zu erfolgreicheren und kürzeren Therapien führt..

2. Entwicklung der Hypnosetherapie in Deutschland seit 1978

Der in Deutschland und Europa führende Fachverband für Hypnotherapie ist die M.E.G. - Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose e.V., Sitz München (www.meg-hypnose.de). Die Deutsche Gesellschaft für Hypnose (DGH) ist ebenfalls in der Fortbildung von Psychologen und Ärzten tätig. Diese beiden, für die neuere Entwicklung repräsentativen Gesellschaften wurden 1978 (M.E.G.) bzw. 1982 (DGH) gegründet. Damals war  die Klinische Hypnose in Deutschland kaum vertreten. Lediglich eine Gesellschaft für ärztliche Hypnose und Autogenes Training (DGÄHAT) bot Autogenes Training als “ärztliche Hypnose” an.

Am Beispiel der M.E.G. lässt sich die Entwicklung verdeutlichen: Seit 1980 besuchten ca. 20000 PsychologInnen und ÄrztInnen Weiterbildungsseminare dieser Gesellschaft. Über 2400 schlossen seither die zweijährige Fortbildung ab, die zur Zusatzbezeichnung „Klinische Hypnose (M.E.G.)” führt. In diesen Zahlen nicht enthalten sind mehrere tausend Besucher der internationalen Fachkongresse, die von der M.E.G. veranstaltet wurden. An dem Kongress Evolution of Psychotherapy in Hamburg (1994) nahmen allein über 4000 Fachleute teil. Zu den Hypnotherapietagen der M.E.G. kommen alljährlich über 1000 Teilnehmer.

Die Fortbildung der M.E.G. in Klinischer Hypnose/Hypnotherapie für Diplom-Psychologen und Ärzte wird in 18 Städten Deutschlands durchgeführt. Sie umfasst 258 Stunden und setzt eine Weiterbildung in einem anerkannten Psychotherapie-Verfahren bzw. die Approbation als Psychotherapeut voraus. Die Verbreitung der Hypnotherapie in Österreich und der Schweiz erfolgte durch Absolventen der M.E.G.-Fortbildung. Diese gründeten die MEGA (Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose und Kurztherapie, Austria) und die GHypS (Gesellschaft für Klinische Hypnose, Schweiz), die zu den führenden nationalen Fachgesellschaften wurden.

Hypnosetherapie wird vorwiegend in der Einzelpraxis durchgeführt. Krankenhausträger bemühen sich zunehmend, sie in ihr Versorgungskonzept einzubeziehen. In Deutschland gibt es mehrere  Kliniken, die Hypnosetherapie als ihr zentrales Verfahren oder als Behandlungselement anbieten (z.B. bei der Rehabilitation von Herz- und Kreislauferkrankungen oder bei der Therapie von Abhängigkeiten).

3. Kostenerstattung

Die in Deutschland unbefriedigend geregelte Situation psychologischer Psychotherapeuten  lässt eine generelle Aussage über die Abrechnung bzw. Erstattung der Kosten nicht zu. Diese Frage ist im Einzelfall mit dem betreffenden Therapeuten und der Versicherung zu klären. In den Gebührenordnungen sowie im Leistungskatalog fast aller Krankenkassen und Versicherungen wird Hypnose seit Jahren als abrechenbare Leistung geführt. Die Hypnotherapie ist eine auch vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP der Bundesregierung) anerkannte Methode.

4. Anwendungsfelder

Klinische Hypnose bzw. Hypnotherapie wird vor allem im Rahmen der Psychotherapie und bei psychosomatischen Leiden, zur Schmerzkontrolle und bei Abhängigkeiten verwendet, z.B. zur Raucherentwöhnung (www.smokex.de). Medizinische Hypnose findet in der Allgemein- und Facharztpraxis Anwendung, z.B. bei Gynäkologen zur Geburtsvorbereitung. Zahnärztliche Hypnose kommt zum Einsatz bei Anästhetika-Unverträglichkeit, zur Schmerzkontrolle, zur Verringerung der Blutung und zum Abbau spezifischer Ängste.

5. Erfolgsaussichten

Die Wirksamkeit der Hypnotherapie ist wissenschaftlich belegt. Zum Beispiel wird in der bekannten Übersichtsstudie von Grawe (Univ. Bern) aufgrund einer Meta-Analyse von 19 besonders qualifizierten Effektivitätsuntersuchungen (insges. 1068 Patienten) der Hypnotherapie eine gute Wirksamkeit bestätigt (Grawe et al., 1994). Revenstorf (Univ. Tübingen) kommt in seiner Übersicht über 77 wissenschaftliche Studien (insges. 5825 Patienten) zu einem noch besseren Ergebnis (Revenstorf & Prudlo, 1994).

Zitierte Literatur:
Grawe, K., Donati, R. & Bernauer, F. (1994). Psychotherapie im Wandel: Von der Konfession zur Profession.
               Göttingen: Hogrefe.
Kirsch, I. (1996). Hypnosis in psychotherapy: Efficacy and mechanisms. Contemporary Hypnosis, 13, 109-114.
Kirsch, I., Montgomery, G. & Sapirstein, G. (1995). Hypnosis as an adjunct to cognitive-behavioral psychotherapy: 
               A meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 63, 214-220.
Revenstorf, D. & Prudlo, U. (1994). Zu den wissenschaftlichen Grundlagen der klinischen Hypnose unter besonderer
               Berücksichtigung der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson. Hypnose und Kognition, 11 (1+2), 190-224.

Ratgeber-Literatur: (im Buchhandel oder über www.amazon.de erhältlich)
Bongartz, B. & W. (1996). Hypnose: Wie sie wirkt und wem sie hilft.  RoRoRo-Sachbuch 9133.
Gerl, W. (1998). Moderne Hypnose: Hilfe durch das Unbewußte. Stuttgart: TRIAS, 
amazon
Scholz, W.-U. (1994). Hypnose & Hypnotherapie.  Mannheim: PAL.

Das Standardwerk zur Theorie und Praxis moderner Hypnose:
D. Revenstorf & B. Peter (Hrsg.) Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik.und Medizin: Manual für die Praxis. Heidelberg: Springer (2000, Neuauflagen 2008, 2015)).

Weitere Informationen über Hypnotherapie und Fortbildungsseminare: www.meg-hypnose.de